80 Jahre Kulturkreis

80 Jahre Kulturkreis – 80 Gesichter

WO WIR EINANDER BEGEGNEN

80 Jahre Kulturkreis: Über Zusammenhalt und die Offenheit, einander zu sehen

Dr. Janina Fuge, 1. Vorsitzende des Kulturkreises Uelzen e.V.

Der Theater-Abend beginnt im Foyer – es ist ein für mich sehr geschätztes Ritual. Manche kommen sehr rechtzeitig, andere (ich oft auch) in letzter Minute. Einmal noch den Blazer gerade ziehen, durchatmen und ab in die Schlange. Eng ist es meist im Eingangs-Nadelöhr, aber umgehend freundlich, wenn bei der Ticketkontrolle ein sehr warmes „Guten Abend“ erklingt. Ein Winken für Bekannte, ein kurzer Gruß, „habt einen schönen Abend.“

Und dann, bald, wenn alle ihre Plätze im großen Saal gefunden haben, geht das Licht aus. Das Gemurmel verstummt. Und plötzlich schauen ein paar Hundert Menschen gemeinsam auf eine Bühne, auf der sich gleich eine andere Welt auftut.

Was zunächst als ganz selbstverständlicher Ablauf erscheint, ist in meinen Augen bei näherem Hinsehen etwas sehr Besonderes: Menschen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Erfahrungen, Lebensentwürfen und Überzeugungen sitzen für eine Weile beieinander. Sie müssen nichts miteinander gemein haben. Nicht dieselbe Meinung, nicht denselben Geschmack, nicht einmal eine Bekanntschaft. Was sie zusammenführt, ist etwas ebenso Einfaches wie Kostbares: Neugier. Auf Geschichten, die nicht ihre eigenen sind. Auf Menschen, die anders leben, denken, fühlen. Und auf die Möglichkeit, die Welt für einen Abend mit anderen Augen zu sehen.

Ich halte das für eine der großen Stärken von Kultur. Und für eine ihrer wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben: Neue Blickwinkel zu ermöglichen. Wir leben in einer Zeit, in der das Gemeinsame keineswegs mehr selbstverständlich erscheint. Gesellschaftliche Debatten werden schärfer geführt, politische Positionen stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Digitale Öffentlichkeiten ermöglichen Austausch über alle Grenzen hinweg – und befördern zugleich Rückzug in die eigenen Gewissheiten. Wer anders denkt, wird schnell zum Gegenüber, manchmal sogar zum Gegner. Umso wichtiger sind Orte, an denen Menschen einander tatsächlich begegnen. Nicht als abstrakte Vertreter einer gesellschaftlichen Gruppe, sondern als Einzelne, mit Geschichten, Widersprüchen und Erfahrungen.

Kulturorte können solche sozialen Orte sein. Das Theater ebenso wie ein Konzertsaal, ein kleines soziokulturelles Zentrum oder eine ungewöhnliche Spielstätte auf dem Land. Sie geben Menschen einen Anlass, das eigene Zuhause zu verlassen und Teil einer gemeinsamen Öffentlichkeit zu werden. Sie schaffen Begegnungen, die sich nicht vollständig planen lassen.

Dabei geschieht das Verbindende keineswegs nur auf der Bühne. Es entsteht im gemeinsamen Lachen, im konzentrierten Zuhören, beim irritierten Blick auf eine Inszenierung und im Gespräch danach. Vielleicht hat die Sitznachbarin einen völlig anderen Abend erlebt als man selbst. Vielleicht hat sie etwas gesehen, das einem entgangen ist. Vielleicht bleibt man unterschiedlicher Meinung. Auch das ist Verbindung.

Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt bedeutet nicht, dass wir uns möglichst ähnlich werden oder Unterschiede verschwinden. Im Gegenteil! Er entsteht auch und notwendigerweise dort, wo wir lernen, Verschiedenheit auszuhalten. Wo wir einander zuhören, ohne sofort zustimmen zu müssen. Wo wir neugierig bleiben auf Erfahrungen, die nicht unsere eigenen sind.

Kultur kann solche Erfahrungen ermöglichen. Eine Theaterfigur führt uns in ein Leben, das uns fremd ist. Ein Konzert bringt Generationen zusammen, deren musikalische Vorlieben vermeintlich wenig miteinander zu tun haben – „Heaven Can Wait“ ist für mich dabei ein ganz wundervoll leichtes, schönes Beispiel. Kabarett verschiebt den Blick auf gesellschaftliche Gewissheiten. Eine unbequeme Inszenierung fordert Widerspruch heraus.

Manchmal geschieht etwas, das noch viel unmittelbarer, aber nicht weniger wertvoll ist: Wir verbringen einen schönen, inspirierenden Abend miteinander – kaum offene Fragen, dafür umso mehr rotwangig-fröhliche Leichtigkeit.

All das darf Kultur. Und all das kann sie. Denn wir sollten sie weder auf Unterhaltung reduzieren noch mit dem Anspruch überfrachten, gesellschaftliche Probleme lösen zu müssen. Kunst darf zweckfrei sein, eigensinnig, anstrengend, verspielt, unverständlich oder einfach: Schön, unverkrampft und unterhaltsam. Sie muss nicht gefallen. Sie muss auch nicht versöhnen.

Im Gegenteil: Kultur darf streiten. Sie darf verstören, provozieren und lieb gewonnene Überzeugungen infrage stellen. Sie darf uns zumuten, Widersprüche stehen zu lassen. Gerade darin liegt ihr demokratisches Potenzial: Nicht darin, die richtigen Antworten vorzugeben, sondern darin, Räume für Fragen und unterschiedliche Perspektiven zu öffnen.

Allerdings müssen wir uns davor hüten, die verbindende Kraft von Kultur allzu selbstverständlich zu behaupten. Wer besucht unsere Veranstaltungen? Wer fühlt sich eingeladen? Für wen ist der Weg ins Theater eine Selbstverständlichkeit – und für wen eine Hürde? Wer kennt die Gepflogenheiten, wer kann sich Eintrittskarten leisten, wer findet sich in den Geschichten auf unseren Bühnen wieder? Ein offener Kulturort ist nicht schon deshalb offen, weil seine Türen nicht verschlossen sind.

Kulturelle Teilhabe verlangt Aufmerksamkeit und immer wieder neue Antworten: auf unterschiedliche Lebenssituationen und finanzielle Möglichkeiten, auf Fragen der Zugänglichkeit und Verständlichkeit, auf Generationen, die andere kulturelle Erfahrungen mitbringen. Und sie verlangt die Bereitschaft, die eigenen Gewohnheiten immer wieder zu hinterfragen.

Auch wir als Kulturkreis stellen uns diesen Fragen – sehr regelmäßig, durchaus kontrovers und neugierig: Welche Menschen erreichen wir bislang nicht? Welche neuen Begegnungen können wir ermöglichen? Welche Formate möchten wir ausprobieren? Wir haben zum Beispiel die „Nachgespräche“ im Anschluss an Aufführungen seit der vergangenen Saison wieder fest aufgenommen: Gemeinsam mit Regie und Ensemble ist es bei ausgewählten Aufführungen möglich, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch die Veranstaltungen der „Kleinen Bühne“ sollen zunehmend Raum dafür bieten, sich gemeinsam, mit klugen Denkern und anregenden Gedanken auseinander zu setzen – im Januar beispielsweise kommt Kulturjournalist Korbinian Frenzel zu uns, „Reden wir noch miteinander“ ist die Überschrift des Abends, an dem wir über Streitkultur, Kultur und Demokratie in einen Austausch gehen. Und wie bewahren wir zugleich das, was unser Publikum seit vielen Jahren schätzt? Das ist keine Aufgabe, die sich einmal erledigen ließe. Kultur verändert sich mit der Gesellschaft, in der sie entsteht. Und eine Institution, die lebendig bleiben möchte, muss bereit sein, sich mitzuverändern. Und genau diese Bereitschaft zur Veränderung hat den Kulturkreis über acht Jahrzehnte begleitet – und sie wird auch für seine Zukunft entscheidend sein.

Dabei haben gerade lokale Kulturorte eine besondere Qualität. Ich besuche ausgesprochen gern die großen Theater in Hamburg und Berlin. Aber in Uelzen erlebe ich etwas, das dort nicht selbstverständlich ist: Hier begegnen mir Menschen wieder. Nach einem Konzert, auf dem Wochenmarkt, bei einer anderen Veranstaltung. Man kommt ins Gespräch, erinnert sich gemeinsam, widerspricht einander oder verabredet sich für das nächste Mal.

Aus einzelnen Veranstaltungen kann so etwas entstehen, das über den jeweiligen Abend hinausreicht: Vertrautheit. Zugehörigkeit. Eine Beziehung zu einem Ort und zu den Menschen, die ihn mit Leben füllen. Vielleicht unterschätzen wir gelegentlich, wie wertvoll das ist.

Gerade in einer Zeit, in der von Einsamkeit, gesellschaftlicher Vereinzelung und schwindendem Vertrauen gesprochen wird, können solche Orte einen Unterschied machen. Nicht, weil ein Theaterabend die Einsamkeit beseitigt oder ein Konzert politische Gegensätze auflöst. Sondern weil sie Gelegenheiten schaffen, einander wahrzunehmen, ein paar Worte zu wechseln oder in der Pause gemeinsam bei einem Getränk über einen besonders guten – oder besonders schlechten – Moment des Abends zu sinnieren. Ein schönes Gefühl ist das: Plötzlich Teil von etwas „Gemeinsamen“ zu sein, ohne dafür eine bestimmte Rolle einzunehmen, sondern einfach mit den eigenen Gedanken.

Unser Jubiläumsprojekt „80 Gesichter“ knüpft an diesen Gedanken an. Achtzig Jahre Kulturkreis lassen sich anhand von Programmen, Künstlernamen und Aufführungen erzählen. Aber die eigentliche Geschichte reicht weiter. Sie besteht ebenso aus den Erinnerungen der Menschen, die im Publikum saßen, die Veranstaltungen ermöglicht, unterstützt, besucht und mit anderen darüber gesprochen haben: Über Zeiten, in denen ein Vortrag über „Das wilde, unbekannte Norwegen“ 700 Leute ins Theater lockte oder die Puhdys 1000 Menschen in der Stadthalle begeisterten.

Die ganz unterschiedlichen, sehr farbenfrohen Perspektiven machen sichtbar, dass Kultur nicht allein von denen gestaltet wird, die auf der Bühne stehen. Sie entsteht im Zusammenspiel vieler Beteiligter. Und sie wirkt über den Moment hinaus, in dem der Applaus verklungen ist.

Für die Zukunft wünsche ich mir deshalb einen Kulturkreis, der beides bewahrt: die Freude an anspruchsvollen, überraschenden und berührenden Veranstaltungen – und die Neugier auf Menschen, die wir bislang noch nicht erreicht haben.

Einen Kulturkreis, der sich nicht darauf beschränkt, als kultureller Dienstleister seinen Bildungsauftrag zu erfüllen, sondern darüber hinaus Räume schafft, in denen Menschen einander begegnen, sich austauschen und miteinander auseinandersetzen können. Der unterschiedliche Stimmen zulässt, ohne seine Haltung zu verlieren. Der sich für künstlerische Freiheit einsetzt und zugleich danach fragt, was kulturelle Teilhabe in unserer Stadt ganz praktisch bedeutet.

Achtzig Jahre sind ein guter Anlass, darüber nachzudenken, was das im Einzelnen bedeutet. Nicht mit dem Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben. Sondern mit der Lust, gemeinsam Fragen zu stellen, Neues auszuprobieren und miteinander im Gespräch zu bleiben. Vielleicht beginnt es ja tatsächlich schon im Foyer.